Jetzt an der Stunde der Wintervögel 2016 beteiligen

Vom 8. bis 10. Januar hat wieder die Stunde der Wintervögel stattgefunden.

Alle Informationen dazu auf der Themenseite des NABU hier.

Der Online-Zählbogen zu der Aktion ist hier zu erreichen: Online-Zählbogen


Die Spatzen laufen den Meisen den Rang ab

Die Stunde der Wintervögel 2015 in Dorsten

Dieser Winter ist ein Spatzenwinter. Der Haussperling liegt weit vor der Kohlmeise – er ist damit der häufigste Wintervogel in Deutschlands Gärten – und direkt dahinter hat der Feldsperling die Blaumeise überholt. Insgesamt haben 77.000 Vogelfreunde mehr als zwei Millionen Vögel gemeldet.

Die bundesweite Auswertung zur Stunde der Wintervögel gibt es hier.

Und eine Kartendarstellung kann hier abgerufen werden.


Und hier kommt die Geschichte eines Dorstener Amsel-Paares,

verfasst von Günter Peter Rissel:

 

Die Erfolgsgeschichte eines Amsel-Paares

 

Wir schreiben das Jahr 2014. Als wir nach dem recht milden Winter wieder die Terrassentür öffneten, sah Hildegard auf der Gartenleuchte, die von der Wand aus den Garten beleuchten soll, ein wüstes Gestrüpp. Es entpuppte sich als ein raffiniert ausgestattetes Amselnest. Völlig unsichtbar von unten, brütete ein braunes Weibchen geduldig ihre Eier aus. Später sahen wir, dass es vier waren. Unbeeindruckt von unserem alljährlichen Frühjahrsputz der Terrasse kam hin und wieder ein schwarzer Mann hinzu, der wohlwollend seiner geduldigen Partnerin ein paar Aufmerksamkeiten brachte. Außerdem war er ein hervorragender Sänger, der wohl keine Heiserkeit kannte. Stundenlang saß er auf einem Ast unserer leuchtenden Goldulme, und schmetterte, was das Zeug hielt. Wir glaubten zu hören , dass es sich um Melodien handelte, die unserem musikalischen Verständnis sehr nahe kamen. Allerdings wechselte der Vogel nie seine Tonart.

 

Mutter Amsel, wir nannten sie ab sofort Marie-Luise, verlies bald immer häufiger ihr Nest, und kehrte mit gefülltem Schnabel zurück. An den piepsenden Geräuschen und den Auf- und-Ab-Bewegungen ihres Kopfes wussten wir: Es ist Nachwuchs da. Zum Osterfest hatten wir Gäste geladen und wegen des guten Wetters fand das Kaffeetrinken im Freien statt. Mit zehn Personen an der Tafel entsteht da so mancher Krach und Lacher. Die Familie Amsel jedoch störte sich nicht daran, blieb fleißig bei der Arbeit, d.h. beim Füttern. Selbst der schwarze Vater mit seinem auffälligen gelben Schnabel zeigte demonstrativ seine Bereitschaft zur Mithilfe. Beim Überfliegen unserer illustren Gesellschaft sah er neidisch auf das Gebäck, und hätte wohl gerne ein Tortenstück mitgenommen.

 

Tage später sahen wir die ersten Hälse über den Rand des Nestes heraus ragen. Es waren vier, deren Hälse bei jedem Anflug eines Elternpaares immer länger wurden. Entsprechend war die Dankbarkeit und die Freude, die man sich durch das Schreien gönnte. Nicht nur wegen des Platzmangels im Nest, auch wegen des Freiheitsdrangs der jungen Brut machten sich innerhalb von zwei Tagen alle vier Jungvögel auf den Weg. Sie waren bis auf ein Tier sofort in der Lage ihr Nest mit unbekanntem Ziel zu verlassen.

 

Wohl als Nesthäkchen, ertrank ein Vogel im nahe gelegenen Gartenteich, in dem die Eltern häufig badeten. Die drei weiteren Jungen haben wir nie mehr gesehen. Sie wurden aber in Nachbars Gärten weiterhin bei der Nahrungsaufnahme unterstützt. Hiermit ist die Geschichte noch nicht zu Ende.

 

Sechs Wochen später sahen wir unvermutet das Ehepaar Amsel in unserem Garten wieder. Er badete im Teich, nachdem er öffentlich Marie-Luise bestiegen hatte. Diese deutliche Aktivität war uns von Vögeln eigentlich nicht bekannt, oder gaben sie uns das Zeichen für eine neue Familiengründung? Wohl wissend, dass diese Art von Spezies ihr altes Nest nie für ein neues Gelege nutzen, hatte ich das alte bereits entfernt. Sie mussten sich also einen anderen Platz suchen. Und das taten sie auch. Marie-Luise und ihr Partner entschieden sich wieder für unsere Terrasse. Dort hängt nicht weit entfernt von der Gartenleuchte und zwar seit Jahren eine Alraune, in der vor einem Jahr schon einmal ein Amselpaar vier Junge großgezogen hatte. Ein Ort, an dem man vor Wind und schlechtem Wetter geschützt ist . An einem Tag entstand ein stabiles Nest und Marie-Luise, die wir schon als fleißige Bauingenieurin kennen lernen durften, war allein für die Statik dieses Bauwerks verantwortlich, während der schwarze Peter seine ermunternden Lieder in den Himmel schmetterte. Schon wenige Tage später drückte Marie-Luise ihre befruchteten Eier nacheinander ins Nest, nahm ein paar Tage Auszeit, um sich dann bis zur Geburt hingebungsvoll in Erwartung auf gesunden Nachwuchs nieder hockte.

 

Nach etwas zehn Tagen wurde Marie-Luise unruhig und flog immer wieder ins Freie. Wenn sie von der Pommes-Bude zurückkehrte, setzte sie sich auf ihr Gelege und versorgte offensichtlich ein Küken mit Nahrung unter ihrem Bauch. Alles musste noch warm gehalten werden! Das verkündete auch Ehemann Peter der Schwarze. Wie mit einer Trillerpfeife vorgetragen, so erklangen versteckte Texte an Marie-Luise. Besonders beeindruckte uns der frühe Einsatz seines Gesanges in den Morgenstunden, an dem nicht nur er, sondern ganze Scharen von angehenden Vätern beteiligt waren. Wie in einem Chor sangen sie sich gegenseitig Mut zu und Freude vor, bis sie alle kurz vor halb Sechs eine Pause einlegten. Wir erhielten die Gelegenheit noch eine Mütze voll Schlaf nach zu holen.

 

Die Silhouette der Mutter verschob sich von Tag zu Tag nach oben, bis sie keinen Platz mehr fand, denn der Nachwuchs beanspruchte die Räumlichkeit des Nestes. So blieb ihr der Rand, von dem aus Marie-Luise die weitere Versorgung übernahm. Die Leckereien in ihrem Schnabel wurden immer größer und länger und die Hälse über dem Rand der inzwischen leicht lädierten Behausung verlangten gestopft zu werden. Das war für Mutter Amsel nicht immer leicht, gab es unter den Kindern schon einige Rivalitäten. Hin und wieder übernahm Vater Amsel einen Kontrollflug, um zu schauen, ob noch alles in Ordnung war und um Ruhe zu sorgen.

 

Schnell verging die Zeit, und wieder trafen die bereits vier flügge gewordenen Weekager eine gute Entscheidung. Mit Lockrufen ermunterte das Elternpaar noch den Nachwuchs nun auch endlich das Nest zu verlassen denn sie waren es leid ein weiteres Mal für Nachwuchs zu sorgen. Sehr entschlossen flogen vier Halbstarke in die Freiheit, einem ungewissen Vogelleben entgegen.

 

Wie sehr sich der Mensch doch irren kann, wenn es sich um die Fortpflanzung der Vögel handelt. Mit meiner Annahme, ein Nesthocker zieht nur eine Brut in einem Nest groß und benutzt es nie wieder, lag ich falsch. Nach dem Schlüpfen der vier Jungen waren noch nicht zehn Tage vergangen, als Mutter Marie-Luise fleißig dabei war, ihr altes Nest aufzuarbeiten. Die Lage war zu gut und offensichtlich benötigte die Jugend keine weitere Unterstützung mehr. Sie waren eben früher reif, als noch vor Generationen. Das ermutigte natürlich die Eltern ein weiteres Mal drauf los zu vögeln, obwohl sie sich vorgenommen hatten, enthaltsam zu sein. Doch der Monat Mai war noch nicht vorbei. In aller Eile wurde instand gesetzt, was gelitten hatte. Die Außenmauern mussten stabilisiert werden und Hildegard vermutete, dass die Innenarbeiten den Standard weit übertrafen. Wir konnten erkennen, dass sich Marie-Luise große Mühe gab und man die Behausung künftig als Villa bezeichnen konnte, während Vater Peter seine Melodien bald als anspruchsvollere Werke wieder gab.


Neidische Elstern brachten häufig Unruhe in die Familie, denn letztere wusste , dass die krächzenden Störenfriede eine Bedrohung für Eier und ihren Nachwuchs bedeuteten. Obwohl als Singvogel bekannt, ist die Elster auch ein Nesträuber. Die entsprechenden Warnhinweise durch das Schimpfen der Amseln sorgten bald dafür, dass die sonst scheuen Elstern schnell das Weite suchten.

 

Zu Pfingsten, am 8./9. Juni 2014 waren wohl die Weichen für weiteren Nachwuchs gestellt. Marie Luise hatte sich Zeit gelassen und erst Ende Juni sahen wir, dass es zwei Küken waren, die verlangend mit ihren Hälsen um Futter bettelten. Die Gesänge von Vater Amsel waren nicht mehr so intensiv. Er äußerte sich zurückhaltender aus der Goldulme, oft mit einem missglückten Kikeriki, oder übersetzt mit: Ich bin noch hier!

 

Bald verließen die letzten beiden Jungvögel das Nest. Weder Marie-Luise noch Vater Peter sahen wir lange Zeit nicht wieder, die sich erfolgreich mit elf Kindern vermehrt hatten.

 

So wurde es wieder ruhig in unserem Garten, denn der schwarze Gesangskünstler sang nicht mehr. Ohne Motivation wird auch ein Vogel lustlos. Vielleicht war auch sein Repertuar ausgeschöpft. Im kommenden Jahr werden wir erneut versuchen den Vögeln die Möglichkeiten zu bieten, für Nachwuchs zu sorgen, damit auch wir unsere Freude daran haben.

 

Gerne werden sich Vettern und Cousinen einer Amselfamilie an die sicheren Zeiten ihrer Jugend, und die schützende Atmosphäre über der Terrasse erinnern und als Eltern neuer Generationen für weitere Nachkommen zur Verfügung stehen.

 

Günter Peter Rissel, Dorsten, 8.5.2014